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Lebens-

(T)Räume

In Berlin entsteht zurzeit bei Deutschlands größtem
Holzbau-Projekt ein modernes Wohnquartier mit fünf Mehrfamilienhäusern. Quartiere gelten aktuell als nachhaltiger Weg für das Wohnen der Zukunft im urbanen Raum. Dabei wird immer häufiger in innovativer Holzbauweise gebaut.
Freiraum
Das Leben spielt sich zukünftig wieder mehr im Außenbereich ab

ie Landflucht schreitet mit großen Schritten voran. Immer mehr Menschen drängen sich auf den immer kleiner werdenden freien Räumen in und um die Großstädte, Pendlerströme verstopfen bereits die Arterien der Metropolen. Dieser sogenannte Popula­tionsdruck sorgt dafür, dass sich die Speckgürtel beinahe genauso schnell ausdehnen, wie die Preise für Wohnraum steigen. In den letzten 20 Jahren wuchs die Siedlungsfläche in Deutschland täglich um durchschnittlich 113 Hektar – das sind mehr als 150 Fußballfelder. Die demografische Entwicklung in Deutschland tut ihr übriges, immer mehr Menschen orientieren sich im Alter um und denken über neue Formen des Wohnens und Zusammenlebens nach.

Raum für Neues
Die Projektentwickler von UTB versuchen, neue Wege zu beschreiten

„Einfach zusammenleben, das ist unser ziel für das „Quartier“ wir.“
Berthold Pesch, Projektstuerung UTB

Die neuen Wohnformen sollen menschlich, technisch, baulich und bezahlbar sein. Der Begriff „Quartier“ steht dabei für mehr als nur altersbedingtes Zusammenleben mit Versorgung – das Quartier steht stellvertretend für ein neues, nachhaltiges und ganzheitliches Lebenskonzept für Jung und Alt, für Alleinstehende und Familien, für gleichermaßen ökonomisch und ökologisch Interessierte. Ein Markt mit Zukunft also, lohnenswert für Investitionen, lohnenswert aber vor allem für Projektentwickler, Architekten und Bauträger.
In den letzten 20 Jahren wuchs
die Siedlungsfläche in Deutschland täglich
um durchschnittlich
Markt mit Zukunft
Das sind mehr als
150 Fußballfelder.
113
Hektar
Das haben auch Projektentwickler in Berlin längst erkannt. In Zusammenarbeit mit der Genossenschaft BeGeno16 baut die UTB Projektmanagement GmbH momentan das größte Holzbauprojekt Deutschlands, das Wohnquartier „Wir“ in Berlin-Weißensee. Geplant wurde das Projekt durch Deimel Oelschläger Architekten Partnerschaft aus Berlin. „Einfach zusammenleben, das ist unser Ziel für das ‚Quartier Wir‘. Familien
mit Kindern, Paare und Lebensgemeinschaften mit Oma und Katze, mit Alt- und Neuberlinern – alle gemeinsam und jeder nach seiner Façon – sollen in den fünf Häusern eine Heimat finden“, erklärt Berthold Pesch, zuständig bei der UTB für die Projektsteuerung. Dabei spielt der Baustoff Holz in der Gesamtenergiebilanz der Gebäude eine wesentliche Rolle. Die Häuser in Holzbauweise zu errichten lag für Peschs Firma deshalb auf der Hand. „Uns hat es interessiert, so zu bauen, es ist nachhaltig und mit Holz ist es relativ leicht, einen guten Energiestandard herzustellen. Die Häuser erreichen alle den KfW-40-Energiestandard. Die Gebäudehülle in Holztafelbauweise mit Zellulosefüllung erreicht zudem einen sehr guten U-Wert, so dass unser Haus mit Lüftungsanlage und Wärmerückgewinnung nahezu einen Passivhaus-standard erreicht“, führt Pesch weiter aus.
Wohnquartier „Wir“ in Weißensee
Raumgefühl
Bodentiefe Fenster im Zusammenspiel mit hellem Holz sorgen für ein großzügiges Raumgefühl
Scheinbare Gegensätze vereinbaren
Aber, geht das denn überhaupt? Wohnen inmitten der Stadt und dennoch ökonomisch und ökologisch sinnvoll? Soziales Miteinander in Zeiten der medialen Vereinsamung? Gesellschaftlich nachhaltiges Leben, bei dem sich Nachbarn tatkräftig unterstützen und sich dadurch Freiheiten gewähren können? Die Verwendung natürlicher Materialien und die zugleich stärkere Digitalisierung von Menschen und Gebäude?
Für Pesch ist klar: Das geht nur mit einem schlüssigen Gesamtkonzept. Die vier fünfgeschossigen Gebäude der Genossenschaft mit insgesamt 160 Wohnungen bieten eine Mischung von ein bis sechs Zimmern großen Einzel- und Clusterwohnungen für Wohngemeinschaften und Wohngruppen mit für ­Berliner ­Verhältnissen durchaus moderaten Mietpreisen von acht bis elf Euro kalt pro Quadratmeter. In einem fünften­ ­Gebäude werden Eigentumswohnungen errichtet.
Jede Wohnung hat Zugang zu einem Balkon, der Terrasse oder –im Dachgeschoss – zum ­Dachgarten. Wesentlich für die Zukunftsfähigkeit ist gerade bei auf dem Reißbrett geplanten Wohnformen die gleichwertige Beachtung ökologischer und ökonomischer Ziele. Grundlegend ist bei einer Quartiersplanung, die den Menschen im Mittelpunkt hat, das Einziehen einer ausreichenden sozialen und erwerbswirtschaftlichen Infrastruktur; soll heißen ein Leben der kurzen Wege. Berthold Pesch betont deshalb, dass „das ‚Wir‘ total an die Umgebung angebunden ist. Es gibt eine kleine Kindertagesstätte, ein Schwimmbad, Multifunktionsräume, Gastronomie – so entsteht Leben im Quartier. Auch eine gute Verkehrsanbindung und alternative Pendlerkonzepte gehören hierzu.“
„Eine architektonische und
nachhaltige Antwort.“
Deimel Oelschläger, Architekturbüro
Der Mensch im Mittelpunkt
Das klingt bekannt – wer in kleineren Gemeinden
und im ländlichen Raum aufgewachsen ist, kennt das Konzept vielleicht noch als Dorfgemeinschaft. Neu daran ist allerdings, dass es auch um Begriffe wie Nachhaltigkeit, ökologisches und soziokulturelles Miteinander geht. Und das alles auf dem Reißbrett
geplant und nicht in gewachsenen Strukturen. Und auch das kennt man, wenn man auf dem Dorf groß wurde: Es entstehen durch die enge Gemeinschaft schneller Spannungen untereinander. Diese Spannungen möglichst zu vermeiden stellt die Planer vor
völlig neue Aufgaben – dem sozialen Freiraum muss auch architektonisch Rechnung getragen werden, beispielsweise durch Freiflächen, Gemeinschaftsflächen, aber auch durch private Ecken und Winkel. Die ausgewogene soziale und funktionale Mischung macht dann schlussendlich den Erfolg aus.
Der soziale Aspekt
In der Mitte des Cubity befindet sich ein Gemeinschaftstisch, der sogenannte Marktplatz. Hier findet das soziale Leben statt.
Angebunden an die Umgebung
Erfolgreich sollen natürlich auch die Geschäfte für die UTB und die Genossenschaft laufen. Aber nicht um jeden Preis. Von den 38 Eigentumswohnungen hat der Bauträger aktuell etwa drei Viertel verkauft, fertiggestellt sollen die Gebäude spätestens im Herbst 2019 sein. „Das Besondere an unserem Projekt ist ja auch, dass wir neben den „klassischen“ Eigentumswohnungen mit der Genossenschaft BeGeno16 auch Mietwohnungen bauen, die einen recht günstigen Mietpreis von acht bis elf Euro kalt den Quadratmetererreichen“, erklärt Berthold Pesch. Damit die Warmmiete aber nicht wesentlich höher ausfällt, hatten die Kooperationspartner eine Idee: Alle Mieter und Eigentümer sollen aktiv Einfluss auf die Entwicklung des Wohnquartiers nehmen, in guter Nachbarschaft und mit gemeinschaftlichem Lebensraum für Jung und Alt. Deshalb wird auch nicht unbedingt jeder Interessierte gleich Mieter oder Käufer– denn die Kriterien sind besondere. So werden im Bewerbungsformular für eine Wohnung auch Fragen nach dem angestrebten nachbarschaftlichen Engagement und nach mindestens drei persönlichen Gründen gestellt, warum man sich für das Projekt interessiert beziehungsweise für geeignet hält, dort einzuziehen. „Es gibt da eine Nutzer-Kerngruppe, die sich bereits zu Beginn des Projekts gebildet hat. Sowohl ­Genossenschaftsmitglieder als auch Eigentümer sind dort dabei und kümmern sich bereits jetzt um die künftige Gemeinschaft“, erklärt Berthold Pesch und will ­damit auch zeigen, dass die Messlatte für soziales Engagement hoch liegt.
Lowtech statt Hightech
Auch beim Thema Gebäudetechnik liegen hohe Maßstäbe an. Nicht nur nachhaltig sollen die Gebäude sein, sondern auch intelligent. Mit der zunehmenden Technisierung und Digitalisierung haben sich in den letzten Jahren zahlreiche neue Möglichkeiten aufgetan, mithilfe künstlicher Intelligenz beispielsweise das Energiemanagement, die Steuerungstechnik, die Heiztechnik und die Energierückgewinnung zu optimieren und auch kostengünstiger im privaten Sektor einzusetzen. Während der Anteil der Technik an den Baukosten früher eher gering war, macht er mittlerweile etwa ein Viertel der Gesamtkosten aus. Diese Entwicklung hat bereits in den 60er-Jahren begonnen, mit der sogenannten Hightech-Architektur. Die Haltung, dass sich mit dem Einsatz der richtigen Technik alle Probleme lösen lassen, ist also tief verankert – wird aber mittlerweile stark in Zweifel gezogen. Der Trend geht eher in die Gegenrichtung, Reduktion und Vermeidung sind dabei die Stichwörter. Ein Beispiel: Anstatt immer technisch aufwendigere Beleuchtungssysteme einzubauen, kann es sinnvoller sein, Arbeitsplätze so anzuordnen, dass sie mehr mit natürlichem Licht versorgt werden. Oder: Gut dämmen ist effizienter als intelligent heizen. Lowtech statt Hightech also. Und diese Strategie hat noch mehr Vorteile: So bedeuten weniger technische Systeme auch weniger mögliche Fehlerquellen. Wenn beim Neubau solche Konzepte gleich mitberücksichtigt werden, spart es Zeit und Geld. Und das ist wirklich intelligent.
Viel Licht und Luft
Viel Glas und freie Flächen bringen Luftigkeit in die Konstruktion
Wohnzelle
Auf sieben Quadratmetern ist das Nötigste untergebracht
Wohnwürfel
der Zukunft
16 auf 16 Meter misst das futuristisch wirkende Gebäude in Frankfurt am Main, das den ­Namen Cubity trägt. Der Cubity (der Name setzt sich aus cube, city und unit zusammen) ist nach dem „Haus im Haus“-Prinzip entworfen und ein ­Plus­energiehaus, welches eigenproduzierte Energie ins Netz einspeist. Die Miete beträgt 250 € pro Wohnkubus (sieben Quadrat­meter). 12 Kuben sind im Gebäude integriert. Das sind umgerechnet etwa 36 Euro Warmmiete pro Quadratmeter. Hinzu kommen allerdings die Gemeinschaftsfläche von 120 Quadrat­metern inklusive Fernseher und Beamer, eine Küche mit Spülmaschine und Ceranfeld sowie ein ­Garten von etwa 50 Quadratmetern. In der ­Mitte des ­Cubity befindet sich ein Gemeinschaftstisch, der sogenannte Marktplatz. Hier findet das ­soziale Leben statt. In den Cubes selbst gibt es ein Bett, ein Badezimmer, Schubladen und ­einen ausziehbaren Schreibtisch. Und natürlich ein wenig Privatsphäre.
„Wir brauchen einen Bewusstseinswandel“
Nachhaltigkeit ist mehr als Energieeffizienz. ProfessorWerner ­Sobek, einer der Pioniere des nachhaltigen Bauens in Deutschland,erklärt im Interview, warum die Materialwahl so wichtig ist und warum wir mehrbiologisch hergestellte Baustoffe verwenden sollten.
„Nachhaltig ist das neue Normal“ war das Motto
der DGNB auf der BAU. Ist nachhaltiges Bauen
heute wirklich schon „normal“?
Zur Person
Werner Sobek
Professor Werner Sobek ist einer der renommiertesten deutschen
Ingenieure und Architekten. Er leitet das Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren (ILEK) der Universität Stuttgart und war einer der Initiatoren der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen DGNB. Seine Aktivhaus-Serie 700 in Winnenden wurde 2017 mit dem Deutschen Holzbaupreis ausgezeichnet. Die 1992 gegründete Firmengruppe des schwäbischen Architekten hat mehr als 300 Mitarbeiter und ist in Stuttgart, Berlin, Buenos Aires, Dubai, Frankfurt, Istanbul, Moskau und New York vertreten.
Leider nein. Die als nachhaltig zertifizierten Gebäude sind nur ein kleiner Bruchteil dessen, was tatsächlich gebaut wird. Und die Fixierung vieler Planer und Politiker in den vergangenen Jahrzehnten auf die Themen „Energieeffizienz“ und „Wärmedämmverbundsystem“ hat verhindert, dass wir uns in der erforderlichen Breite mit den wirklich wichtigen Fragestellungen rund um das nachhaltige Bauen beschäftigt haben – also mit den Fragen, mit welchen Materialien wir künftig eigentlich noch bauen können, was mit den verbauten Materialien passiert, wenn unsere Häuser wieder zurückgebaut werden, und wie wir die beider Herstellung und dem Betreiben unserer Gebäude entstehenden gasförmigen Abfälle, etwas vornehmer auch Emissionen genannt, minimieren können. Hier liegen noch sehr große Herausforderungen vor uns.
Ich habe die Forderung nach einer sogenannten „dreifachen Null“ in den 1990er-Jahren als Triple-Zero-Konzept definiert. Es geht um eine knappe und präzise Darlegung dessen, welche Anforderungen ein Gebäude erfüllen muss, damit es wirklich nachhaltig ist: Gemäß dem Triple-Zero-Konzept sollte jedes Gebäude so geplant und gebaut sein, dass

1. für seine Errichtung, seinen Betrieb und seine Demontage keine fossil-basierte Energie benötigt wird („Null fossil-basierte Energie“),
2. es keine schädlichen Emissionen abgibt
(„Null Emissionen“)
3. es vollkommen rezyklierbar ist
(„NullRückstände“)
Sie haben den Begriff des Triple-Zero-Konzepts geprägt. Was ist damit gemeint?
„DIe Energie ist nicht das Problem. Wir müssen die Emissionen reduzieren.“
Professor Werner Sobek
Ausgezeichnet
Die Aktivhaus-Serie 700 in Winnenden bekam 2017 den Deutschen Holzbaupreis
Nachhaltigkeit ist also mehr als Energieeffizienz?
Die Forderung nach Energieeffizienz ist eine Irreführung. Wir haben kein Energieproblem. Die Sonne strahlt 10.000-mal mehr Energie auf die Erde ein, als wir brauchen. Das eigentliche Problem besteht darin, dass wir in großem Maßstab fossile Energieträger verbrennen. Die hierbei freigesetzten Emissionen sind wesentlich mitverantwortlich für die Erderwärmung. Wir müssen also die Emissionen dramatisch reduzieren und nicht den Energieverbrauch.
Wie kann dem nachhaltigen Bauen auf breiter Basis zum Durchbruch verholfen werden? Brauchen wir dafür rechtliche Vorgaben?
Wir brauchen einen Bewusstseinswandel – und müssen hierfür die erforderlichen gesetzlichen Rahmenbedingungen schaffen. Der Markt allein kann und wird es nicht richten. Der Markt ist zwar ein sich selbstorganisierender Prozess kollektiven Handelns, er ist aber an keinem kollektiven Ziel orientiert und hat als solcher weder Moral noch Gewissen. Die Gesellschaft muss wissen, was sie will – und der Gesetzgeber hat dies umzusetzen, hat Ziele vorzugeben, zum Beispiel eine Recyclingquote oder maximale Emissionswerte.
Der Gesetzgeber sollte aber unbedingt aufhören, Methoden anstatt von Zielen vorzuschreiben. Dieser Fehler wird seit Jahren im Kontext der Energieeinsparverordnungen gemacht. Wie Architekten und Ingenieure die gesamtgesellschaftlich festgelegten Ziele erreichen, sollte deren Innovationskraft überlassen bleiben. Man muss den Menschen die Freiheit lassen, die für ihren Kontext jeweils besten Methoden zu entwickeln.
Welche Rolle spielt der Baustoff Holz beim nachhaltigen Bauen?
Viele meinen, dass Holz als ein CO2-bindendes und gut rezyklierbares Material der Baustoff der Zukunft ist. Weltweit kann man jährlich vielleicht sechs bis acht Milliarden Tonnen Bauholz erzeugen. Der Baustoffbedarf liegt bei unseren bisherigen Bauweisen aber bei bis zu 60 Milliarden! Wir müssen also mit einer Vielzahl an neuen Baustoffkombinationen arbeiten, vor allem mit biologisch hergestellten Baustoffen – und wir müssen deutlich weniger Materialien verwenden als bisher.
Warum liegt Ihnen persönlich das Thema Nachhaltigkeit so am Herzen?
Es geht darum, dass wir die Erde unseren Kindern nicht in einem noch schlechteren Zustand überlassen dürfen, als sie bereits ist. Klimawandel, Ressourcenverknappung, eine nach wie vor rapide wachsende Weltbevölkerung – angesichts der vielschichtigen Herausforderungen der Gegenwart muss unsere Gesellschaft Verantwortung übernehmen und Probleme jetzt lösen, anstatt sie in potenzierter Form an kommende Generationen weiterzugeben. Das ist die Aufgabe jedes einzelnen von uns.
Schweres Erbe
Eines der größten Sobek möchte der nächsten Generation nicht nur Probleme hinterlassen
„Wir müssen weniger Materialien
verwenden als bisher.“
Professor Werner Sobek
„Gebäude als
Materiallager“
Wie sich gute Architektur mit vollständig wiederverwendbaren, wiederverwertbaren oder kompostierbaren Materialien umsetzen lässt, demonstriert Werner Sobek mit einem experimentellen Wohnmodul in der Schweiz.

ie ein Zukunfts­labor für das Bauen von morgen wirkt die 120 Quadratmeter-Wohnung im schweizerischen Dübendorf nicht. Sie ist hell und großzügig, funktional und wohnlich. Und doch ist sie ein spektakuläres Experiment, in dem die Möglichkeiten der Kreislaufwirtschaft im Baubereich ausgelotet werden. „Wir brauchen dringend ein Umdenken im Bauwesen“, ist Architekt Werner Sobek überzeugt. „Wir müssen künftig mit sehr viel weniger Materialien für sehr viel mehr Menschenbauen.“ Sobek hat das Wohnmodul UMAR zusammen mit Dirk E. Hebel und Felix Heisel entworfen.

Idee des Kreislaufs
Das Konzept überträgt die Idee des Kreislaufgedankens auf den Bau­bereich: Die verwendeten Materialien werden nicht mehr verbraucht und danach entsorgt; sie sind vielmehr für eine bestimmte Zeit aus einem technischen bzw. natürlichen Kreislauf entnommen und werden später wieder in diesen zurückgeführt. Die Gebäude von heute werden damit gleichzeitig zu Materiallagern für die Zukunft.
Futuristisch
Das UMAR wirkt wie aus einem Sciene-Fiction-Film entsprungen
Forschen,
entwickeln,
Testen
Die Experimentaleinheit Urban Mining & Recycling
(UMAR) ist Teil des Forschungsgebäudes NEST
auf dem Campus der Eidgenössischen Materialprüfung- und Forschungsanstaöt (Empa). In diesem modularen Forschungs
und Innovationsgebäude, werden neue Technologien,
Materialen und Systeme unter realen Bedigungen getestet, erforscht und weiterentwickelt.
In der konkreten Umsetzung sieht das so aus: Das Tragwerk besteht ebenso wie große Teile der Fassade aus unbehandeltem Holz, das nach dem Rückbau wiederverwendet bzw. kompostiert werden kann. Das ebenfalls in der Fassade verbaute Aluminium und Kupfer kann sortenrein eingeschmolzen und recycelt werden. Auch die Bauprodukte im Innenbereich können in ihre unterschiedlichen Stoffkreisläufe zurückgeführt werden. Unter anderem kommen hier gewachsene Myzeliumplatten, innovative Recyclingsteine, wiederverwertete Isolationsmaterialien und geliehene Bodenbedeckungen zum Einsatz.
Mehrjährige Testphase
Ebenso wichtig: Damit die Materialien später wiederentnommen werden können, darf nichts verklebt werden; alles wird verschraubt oder mit Steckverbindungen befestigt. Wie sich das Konzept in der Praxis bewährt, wird seit 2018 getestet. Bevor der Rückbau und die Wiederverwertung beginnen, werden zwei Studenten für mehrere Jahre in der innovativen Kreislauf-Wohnungleben.