Was nicht
passt, wird
passend
gemacht
Holz ist einer der ­ältesten Baustoffe der Menschen – und gleichzeitig der älteste Brennstoff. Entsprechend galten Holzbau und Brandschutz als unvereinbare Gegensätze. Doch längst können Planer und Ingenieure dem ­Dilemma mit cleveren Lösungen und moderner Technik begegnen.

in Geheimtipp ist das Bauen mit Holz schon lange nicht mehr. Inzwischen ist jedes fünfte Ein- und Zweifamilienhaus in Deutschland eine Holzkonstruktion. Die Argumente dafür überzeugen immer mehr Bauherren: Holz ist ein nachwachsender Rohstoff mit günstiger Ökobilanz, er schafft ein angenehmes Wohnklima und ist gut recycelbar. So weit, so gut.
Doch wehe, der Fußboden des obersten Geschosses eines Holzbaus liegt höher als 22 Meter über der festgelegten Geländeoberfläche. Dann gilt er laut deutschem Baurecht als Hochhaus. Und für Hochhäuser gelten besonders scharfe Brandschutzvorschriften. „Brandschutz muss sein“, sagt Reinhard Eberl-Pacan. Doch zu Unrecht hafte dem Holzbau das Vorurteil an, er sei weniger sicher als Gebäude aus Stahl und Beton. „Der entscheidende Begriff im Brandschutz ist immer noch ‚nicht brennbar‘. Das wird Holz nie leisten können. Für mich ist deshalb diese Frage viel wichtiger: Was kann ich tun, damit auch brennbare Materia­lien einem Feuer möglichst lange standhalten?“ Eberl-Pacan ist Architekt und Brandschutzplaner in Berlin und hat ­bereits etliche mehrgeschossige Wohnhäuser, aber auch öffentliche Gebäude und Firmengebäude aus Holz mit­geplant und brandsicher gemacht.
Aktuell ist er etwa am Projekt „Walden 48“ beteiligt. Am Volkspark Friedrichshain in Berlin entsteht nach Plänen der Arbeitsgemeinschaft Scharabi Architekten und Anne Raupach ein sechs-geschossiger Holzbau mit 40 Wohnungen. Dass dabei tragende Wände und sämtliche Decken in massiver Holzbauweise hergestellt werden, ist für Eberl-Pacan kein Widerspruch. „Der Feuerwiderstand wird dadurch nicht eingeschränkt. Im Gegenteil. Diese Bauteile entsprechen dem Brandschutzstandard F90, wie er auch für Gebäude aus Stahl oder Beton vorgeschrieben ist. Das heißt, sie sind auch bei einem Feuer rechnerisch mindestens noch
90 Minuten lang tragfähig.“

Solider Kern
Das Treppenhaus als Gebäudekern in Beton
Nicht nur Optik:
Brandhemmende Fassadenverkleidungen helfen beim Brandschutz
Holz bleibt sichtbar
An vielen Stellen bleibt das Holz für die Bewohner sichtbar, etwa an einigen Innenwänden sowie an den Decken. „Holz wird als Baustoff sehr geschätzt, es schafft ein schönes Raumklima, sieht gut aus. Warum sollten wir alles mit Gipskarton verkleiden?“, fragt Eberl-Pacan. Den vorgeschriebenen Brandschutzstandard erreichen die Planer, indem sie die Bauteile einfach bewusst stärker dimensionieren als nötig. Der Abbrand wird also mit einkalkuliert. „Holz brennt etwa 0,7 Millimeter pro Minute ab“, erklärt der ­Experte. Inklusive Puffer lautet die Faustformel: Soll es etwa 90 Minuten widerstehen, muss es etwa 90 Millimeter stärker ausgeführt werden als nötig. Beim derzeit höchsten Holzhochhaus, dem „Mjøstårnet“ etwa 140 Kilometer nördlich von Oslo, ist das Haupttragwerk sogar so konstruiert, dass es mehr als 120 Minuten lang dem Feuer widersteht. Hinzu kommt, dass Verbundwerkstoffe wie Brettsperrholz vergleichsweise resistent gegen Feuer sind. Die Norweger untermauerten dies mit Brandtests im Firetech-Institut in Trondheim. Dabei setzten sie in einem großen Ofen Brettschichtholz­binder für 90 Minuten einem Feuer aus. Als die Brenner ausgeschaltet wurden, kohlte das Holz noch ein wenig weiter. Doch nach einigen Stunden sank die Temperatur so weit, dass das Feuer von selbst erlosch.
Während Länder wie Nor­wegen, die Schweiz oder Österreich bereits deutlich weiter sind, bauen die Vorreiter in Deutschland in Berlin. In der Hauptstadt sind inzwischen zahlreiche Gebäude mit sechs oder sieben Geschossen aus Holz entstanden. Anfangs betrieben Architekten und Behörden noch extreme Anstrengungen beim Brandschutz, wie etwa Kaden Klingbeil Architekten (heute Kaden + Lager) im Jahr 2008 in der Esmarchstraße 3. Dort wurde ein offenes Betontreppenhaus vom eigentlichen Gebäude durch Betonbrücken getrennt, um im Brandfall als sicherer Fluchtweg zu fungieren.
HybridBauweise als Mittel der Wahl
Doch in den vergangenen zehn Jahren wurden die Gefährdungen genauer spezifiziert, die Vorschriften und Brandschutzkonzepte verfeinert. Viele neue und weitaus kühnere Holzhochhäuser (siehe auch S. 8) setzen heute etwa auf eine andere Hybridbauweise. Der Kern aus Treppenhaus und Aufzugschacht besteht aus Beton, die Wohn- oder ­Arbeitsräume darum herum aus Holz.
Horizontale
Brandsperren
Horizontale Brandsperren unterbrechen die Holzschalung und verhindern das rasche Ausbreiten eines Feuers. Sie müssen mindestens in jedem zweiten Geschoss umlaufend um das
Gebäude angeordnet werden.
Zu komplexe Genehmigungsverfahren
Auch für Fassaden aus normalentflammbaren Naturbaustoffen wie Holz, natürlichen Dämmstoffen oder auch für berankte Außenwände gibt es längst technische Lösungen, um bei einem Feuer ein Höchstmaß an Sicherheit zu gewährleisten. Damit Brände vor dem Gebäude oder aus Fenstern von brennenden Wohnungen nicht beschleunigt und zur unkontrollierbaren Gefahr ­werden, hat sich die Anordnung sogenannter Brandsperren oder Brandschürzen durchgesetzt. „Diese Sperren aus Metall werden in der Regel ­geschossweise angeordnet und behindern sowohl eine Brandweiterleitung innerhalb einer hinterlüfteten Holzfassade als auch auf der Oberfläche“, erklärt Eberl-Pacan. Weitere Möglichkeiten bieten feuerhemmende Anstriche sowie Dichtungsmassen, die sich bei Hitze ausdehnen und so im Brandfall Schlitze verschließen und den Kamin­effekt unterbinden.  
All das zeigt: Es fehlt nicht an technischen Lösungen, sondern an der Akzeptanz. Noch sind die Genehmigungsverfahren für Holzbauten komplexer als bei einem Standardbau. Und es fehlt an einem zeitgemäßen Baurecht. Bisher haben nur sechs Bundesländer ihre Landesbauordnungen so geändert, dass mehrgeschossiger Holzbau möglich ist. Die anderen Länder warten noch ab. Immerhin: Die Bauministerkonferenz hat angekündigt, die Musterbauordnung stärker an die Verwendung von Holz anzupassen.
Walden 48
Das größte Holzgebäude Berlins ist Vorreiter beim Brandschutz
Hoffen auf Dominoeffekt
Dafür, dass beide Hürden niedriger werden, engagiert sich auch die Deutsche Bundesstiftung Umweltschutz (DBU). Sie unterstützt das Hamburger Vorzeigeprojekt „Wildspitze“ mit knapp einer halben Million Euro für die Planungen – eben um zu zeigen, dass es geht. „Im besten Fall helfen die Ergebnisse, die Planungssicherheit im Holzbau zu verbessern und diese umweltfreundliche Alternative weiter zu verbreiten“, sagt Sabine Djahanschah, Fachreferentin für Architektur und Bauwesen bei der DBU. Sie hofft auf einen Dominoeffekt. Denn mit jedem weiteren erfolgreichen Beispiel haben es künftige Bauherren und Planer bei ihren Projekten wieder etwas leichter.
„Diese Sperren aus Metall werden in der Regel geschossweise angeordnet und behindern sowohl eine Brandweiterleitung innerhalb einer hinterlüfteten Holzfassade als auch auf der Oberfläche.“
Reinhard Eberl-Pacan, Architekt und Brandschutzplaner