Ideen

„Holzbau ist
immer auch
eine Grat-
wandrung“

Mit SKAIO hat das Architekturbüro Kaden + Lager das höchste Holzhaus Deutschlands gebaut. Warum Tom Kaden dennoch lieber niedriger
bauen würde und welche Bedeutung er dem Holzbau als Innovationsträger beimisst, erklärt er im Interview.
Sie haben mit SKAIO das höchste Holzhaus Deutschlands gebaut. Sind Sie stolz auf diesen Superlativ?
Stolz ist ein relativer Begriff. Aber wir sind sehr glücklich, dass wir in Heilbronn die Möglichkeit hatten, das erste Holzhochhaus in Deutschland bauen zu können. Zehngeschossig aus Holz zu bauen ist schon etwas Besonderes, auch wenn wir da international natürlich noch recht niedrig sind. Aber da­rum geht es mir auch nicht in erster ­Linie. Das Besondere an SKAIO ist, dass das kein Leuchtturmprojekt mit Alleinstellungsmerkmal ist, sondern klassischer städtischer Wohnungsbau, der im Kontext einer städtebaulichen Entwicklung realisiert wurde, nämlich im Rahmen der Bundesgartenschau. Der Holzeinsatz war erheblich, so dass wir einen Holzanteil von etwa 90 Prozent im Primärtragwerk realisieren konnten. Das ist eine tolle Entwicklung.
Was genau meinen Sie mit dem ­Begriff Leuchtturmprojekt?
Aus solchen Leuchtturm- oder Pilotprojekten sollte mehr entstehen, es sollte zu einer systemischen Wiederholung kommen. Leuchtturmprojekte sind wichtig, ja, aber sie sollten nur der Anfang einer quantitativen Breite sein. Schön wäre es, wenn nun aus der ganzen Arbeit und den ganzen Entwicklungen, die in SKAIO stecken, das Knowhow in ein zweites, drittes, viertes Projekt gesteckt werden könnte. Das ist aber so ein bisschen das Problem. Der Anteil des Holzbaus beträgt bisher
nur vier Prozent, trotz steigender Nachfrage. Das sollten wir ändern.
Liegt der geringe Marktanteil nicht auch an gesetzlichen Hürden?
Es ist eine Mischung aus vielen Komponenten, die die Verbreitung momentan noch behindern. Mittlerweile gibt es in Deutschland nur vier Bundesländer, die sich dem Holzbau geöffnet haben. Baden-Württemberg als Vorreiter, dann sind Hamburg und Berlin nachgezogen, und Nordrhein-Westfalen ist auf einem sehr guten Weg. Es gibt aber noch Bundesländer, wo man – überspitzt formuliert – kaum dreigeschossig bauen kann. Das andere Problem sind immer noch Vorurteile dem Holzbau gegenüber, so nach dem Motto: im Sommer heiß, im Winter kalt. Das ist natürlich falsch, aber dieses Denken verschwindet zum Glück immer mehr. Technologisch gesehen ist das Baumaterial Holz aber nicht der limitierende Faktor. Da können wir mittlerweile im Holzbau alles.
An Superlativen liegt mir nicht viel. Viel Wichtiger ist mir die Sinnhaftigkeit von Architektur.“
Tom Kaden
Zur Person
Tom Kaden
Professor für Architektur und Holzbau an der TU Graz und
geschäftsführender Teilhaber bei Kaden + ­Lager GmbH.
Kaden forscht über das Gestalten für die Serie im urbanen Holzbau, um neue architektonische, tragwerks- und brandschutztechnische Lösungen zur Konzipierung von sechs- bis zwölfgeschossigen Holzsystembauten im urbanen Kontext zu entwickeln. 1996 gründete er das Architekturbüro Kaden, 2002
folgte die Gründung von Kaden Klingbeil Architekten in Berlin. 2013 wurde Tom Kaden in den Konvent der Bundesstiftung Baukultur und in den BDA berufen. Seit 2015 betreibt Tom Kaden mit Markus Lager das Büro Kaden + Lager, Berlin.
Eingebettet
SKAIO ist kein abgekoppeltes singuläres
Bauwerk, sondern eingebettet in ein städtebauliches Gesamtkonzept der Bundesgartenschau in Heilbronn
„Holz ist als Baustoff kein limitierender Faktor. Holz kann alles!“
Tom Kaden
Wo liegen die Grenzen?
In Asien planen Architekten schon Holzwolkenkratzer von mehreren Hundert Metern Höhe.
Es gibt keine Begrenzung im Vergleich zu anderen Baustoffen. Technisch sind wir längst in der Lage, jede Bauaufgabe zu meistern. Mit Holz kann genauso hoch gebaut werden wie etwa mit Stahlbeton. Für mich sind das eher baustoffunabhängige Grenzen. Es ist doch eine Frage der Sinnhaftigkeit, ob man überhaupt so bauen muss. Dass sind alles reine Luxus- und Prestigeobjekte, die gehen meistens auch ­total am Markt vorbei – gerade in ­Asien oder in den arabischen Ländern. Da sollte menschliches Maß gehalten ­werden. Zehn, 15 oder vielleicht auch 20 Geschosse können wir sicher noch ­realisieren. Alles darüber hinaus sehe ich als gesellschaftlich nicht sinnvoll. ­Wichtiger wäre es meiner Meinung nach, dass wir als Architekten beim Holzbau nicht immer nur höher bauen, sondern den vier-, fünf-, sechsgeschossigen Holzbau in die Kontinuität bringen, also mehr in städtebaulichen Dimensionen denken.
Noch eine persönliche Frage zum Schluss: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, welches Gebäude würden Sie gern aus Holz bauen?
Ein Fußballstadion aus Holz. Das wäre doch toll! Ich bin ja ein großer Fan der Fußballmannschaft von Union Berlin. Die brauchen ein neues, größeres Stadion, das würde ich gern bauen. Und das bisherige Stadion heißt ja auch „Zur alten Försterei“ – das passt doch super!
Sehen Sie dafür denn in Deutschland gute Aussichten in den nächsten ­Jahren?
Mittlerweile bin ich da vorsichtig optimistisch, der Kreis der Interessenten öffnet sich ein wenig. Der Werkstoff Holz hat natürlich auch durch die gesellschaftlichen Diskussionen der letzten Jahre größeres Interesse geweckt – die Themen Klimawandel, CO2 & Co. haben da Schützen­hilfe geleistet. Und man muss auch mal klar sagen: Nichts ist innovativer als der Holzbau. Er hat sich ex­trem weiterentwickelt, wenn man sich die letzten 15 Jahre anschaut. Es gibt kein anderes Material, das derart innovationsfreudig ist wie der Werkstoff Holz. Das hat sehr viel Für, aber auch sehr viel Wider. Man hat manchmal das Gefühl, dass beinahe jede Woche ein neues Holzbausystem entwickelt wird. Das stellt uns vor große Schwierigkeiten. Wir müssen da sehr viel systemischer denken, was auch wieder mit den baurechtlichen Anforderungen zu tun hat. Wenn wir 150 Systeme haben, bekommen wir wesentlich schwieriger eine DIN-Norm als beispielsweise bei den acht klassischen Ziegelformaten. Es ist also ein bisschen eine Gratwanderung.