Titelstory
Der Himmel ist
das Limit
Nachhaltig und ökologisch, aber Keineswegs selbstverständlich: Außenwände, die mit Stroh gedämmt werden.

KAIO ist sein Name, es steht auf dem Gelände der Bundesgartenschau in Heilbronn. Mit Sondergenehmigung. Denn die braucht es in Deutschland aktuell, wenn man mit Holz in solche Höhen bauen will. Die Bauverordnungen der meisten Bundesländer sehen zurzeit Hochbauten aus Holz brandschutztechnisch als nicht genehmigungsfähig an. Das liegt aber weniger daran, dass die zuständigen Behörden den Baustoff Holz als problematisch bewerten, sondern vielmehr an der fehlenden Erfahrung im Umgang mit modernen Holzbauten.

Brandschutzverordnungen hinken
der Entwicklung hinterher

Lediglich vier Länder, Baden-Württemberg, Berlin, Nordrhein-Westfalen und Hamburg, haben bisher ihr Baurecht angepasst und damit Möglichkeiten geschaffen, mit Holz hoch zu bauen. Dass darunter die zwei größten Städte Deutschlands sind, ist wenig verwunderlich, herrscht dort doch neben dem Platzmangel und der immer stärker werdenden urbanen Verdichtung auch ein offenes und pragmatisches Klima, was neue Projekte angeht – sozusagen aus der Not geborene Innovationsfreude. In Hamburg soll demnächst dann auch der nächste Superlativ deutscher Holzbaukunst entstehen – die „Wildspitze“.
SKAIO
Der aktuelle Rekordhalter unter Deutschlands Holzhochhäusern
„Wenn wir Holz als
Baustoff intelligent einsetzen, gibt es so gesehen kein Limit für uns. Denn Holz kann alles.“
Jan Störmer, Architekt
MOCKUP
Ein lebensgroßes Modell, um echte Erfahrungen zu sammeln

„Wildspitze“

HybridBauweise ist momentan der Standard

Das Projekt der Hamburger Architekten Störmer Murphy and Partners steht kurz vor der Umsetzung. Gebaut werden soll der 67 Meter hohe, 18-geschossige Turm ab 2020 in der Hamburger HafenCity, seit Jahren ein Hotspot in Deutschland, wenn es um Architektur geht. Aber die Wildspitze ist selbst für die HafenCity etwas Besonderes. Architekt Jan Störmer hat einen Erklärungsansatz: „So ein Projekt baut man als Architekt nicht mal so eben. Und allein schon mal gar nicht.“ Dafür braucht man gute Partner. Störmer ist davon überzeugt, sie in der Garbe Immobilien-Projekte GmbH gefunden zu haben. „Wir freuen uns sehr darüber, dass ein Investor wie die Garbe-Gruppe den Mut für dieses Projekt hat. Es ist das erste Mal in Deutschland, dass ein Wohngebäude in dieser Größenordnung aus Holz gebaut wird. Und dann an einem Platz, der den Bau aufgrund seines Zuschnitts und der direkten Wasserlage noch komplizierter macht.“ Von Risiken möchte der Architekt aber nicht sprechen. „Das Projekt bringt viele neue Herausforderungen. Wir haben schon einige Hochhäuser
gebaut, aber noch nie eins in Holz. Auch für uns als Architekten ist es Neuland, ein echtes Pilotprojekt.“
Fertiggestellt soll die Wildspitze prominent auf der vorspringenden Kaianlage des Baakenhafens in der HafenCity stehen. 181 Wohnungen, ein Drittel davon als geförderter Wohnungsbau, finden in dem Bau Platz. Die Wildspitze wird jedoch kein reines Wohngebäude: Die Deutsche Wildtier Stiftung wird auf rund
2.200 m² über zwei Ebenen eine Ausstellung zu den Wildtieren Deutschlands und ihren Problemen mit uns Menschen schaffen. Und neben der Ausstellung soll Deutschlands erstes Naturfilm-Kino Besucher anlocken.
Markanter Orientierungspunkt des Baus wird der rund 67 m hohe, 18-geschossige Turm sein, der von allen Seiten mit einer individuell zu öffnenden, gläsernen zweiten Fassadenhaut umhüllt werden wird. Diese dient als Lärm- und Witterungsschutz und hat in ihrer Transparenz noch eine weitere Funktion. „Wir wollen offen zeigen, dass es ein Holzbau ist. Durch die Glasfassade wird das erkennbar, das ist uns wichtig“, erklärt Störmer den architektonischen Ansatz.
Anders sieht das bei SKAIO aus. Dem beinahe würfelförmigen Gebäude sieht man nicht an, dass es zu 90 Prozent aus Holz besteht. Die Dämmschicht und die darüberliegende Aluminiumverkleidung bestimmen das Bild. Als Teil eines städtebaulichen Konzepts für die Nutzung als Wohnviertel nach der Bundesgartenschau folgt SKAIO allerdings auch einem anderen Ansatz.
Materialmix
Glas, Beton und Holz - drei klassische Baustoffe neu zusammengestellt
Gleich sind bei beiden Bauten jedoch die „inneren Werte“. Beide sind als Hybrid-Konstruktionen gebaut beziehungsweise geplant. Bei den Holzhochhäusern werden das Fundament und ein Kern aus Beton gebaut – das gibt dem Gebäude die notwendige Festigkeit. Als bauphysikalisch unbedingt notwendig sieht das Störmer allerdings nicht: „Holz ist ein unglaublich tolles Material. Die Ingenieure ,Assmann Beraten und Planen‘ sind für die Statik zuständig – sie sagen, man könne auch alles nur aus Holz bauen.“ Auch das Verhalten des Materials im Brandfall ist hervorragend. Aber im Hochhausbau fehlt bislang noch die Erfahrung auf allen Seiten – nicht nur bei den Architekten, sondern auch bei den Bauherren und den zuständigen Behörden.
Um Erfahrungen zu sammeln, wurde für die Wildspitze ein sogenanntes Mockup gebaut. In einer Halle entstand ein zweigeschossiges Anschauungsmodell mit Raum- und Fassadenteilen, Gebäudekanten und anderen Bauelementen in Originalgröße, an denen beispielsweise Messungen für äußeren und inneren Schallschutz durchgeführt und konstruktive Verbindungen getestet wurden. All das ließ sich die Garbe Immobilien-Projekte GmbH viel Geld kosten. Eine gute Investition, wie Jan Störmer findet, denn nur so lassen sich Erfahrungen aus erster Hand sammeln.
Gilt die Wildspitze als Holzhochhaus deshalb als Pilot-, gar als Leuchtturmprojekt für den Holzbau allgemein? Störmer scheint davon überzeugt zu sein. Diese Einstellung teilt auch Tom Kaden, geschäftsführender Teilhaber von Kaden + Lager in Berlin. Kaden + Lager entwarfen SKAIO, den aktuellen Rekordhalter. Dabei sind Kaden weder die Rekordhöhe noch andere mögliche Superlative wichtig. Es sind eher die ökonomischen und ökologischen Aspekte, die Architekten wie Kaden und Störmer als wichtig erachten.
Stehen Holzhochhäuser für einen neuen Trend?
Jan Störmer
1942 in Berlin geboren. Gründete nach dem Studium 1972 mit drei Partnern die Architektengruppe me di um, Hamburg. Nachdem 2002 Holger Jaedicke und 2004 Martin Murphy Partner des Büros wurden, firmieren sie seit 2009 als Störmer Murphy and Partners.
Skaio in Heilbronn
In der Lebensrealität der Menschen angekommen
Eine kürzere Bauzeit, niedrigere Kosten für das Material und eine hohe Vorfertigungsrate: Das soll zu einer wirtschaftlicheren Bauweise führen und damit zu niedrigeren Preisen.
Ökonomische Aspekte
Eine kürzere Bauzeit, niedrigere Kosten für das Material und eine hohe Vorfertigungsrate: Das soll zu einer wirtschaftlicheren Bauweise führen und damit schlussendlich zu niedrigeren Preisen. Im Idealfall sieht Tom Kaden am Ende dieser Kette dann niedrigere Mieten stehen. Dazu kommen dann noch die ökologischen Aspekte dieser Art zu bauen.
Ökologische Aspekte
Holz hat gegenüber allen anderen Baustoffen einen entscheidenden ökologischen Vorteil: Es wächst nach. Und es bindet Kohlendioxid, kurz CO2. 1.500 Tonnen CO2 sind beispielsweise allein im verbauten Holz von SKAIO gebunden, das entspricht einer Fahrt von etwa 11,5 Millionen Kilometern in einem durchschnittlichen deutschen Pkw. Man könnte damit rund 290-mal um die Erde fahren. Doch diese Zahl ist trügerisch. Denn irgendwann gibt das Holz das gespeicherte CO2 auch wieder frei – spätestens dann, wenn die Lebensdauer des Gebäudes abgelaufen ist. Zudem handelt es sich um eine reine Bruttomenge, der CO2-Ausstoß durch den Bau, die Anlieferung der Teile und vieles mehr sind darin nicht eingerechnet. Und der Baum im Wald, der nicht für den Bau gefällt wurde, hätte die gleiche Menge CO2 gebunden.
Dennoch gibt es einen breiten Konsens darüber, dass Holz als Baustoff ökologisch sinnvoller ist als beispielsweise Stahlbeton, Zement oder Ziegel. Und auch für andere Industriezweige wie die Forstwirtschaft stellt die moderne Holzbauweise eine Chance dar. Die Holzindustrie kann sich durch gezieltes Aufforsten von geeigneten Hölzern, wie etwa Lärche und Douglasie, auf den Bedarf einstellen. Auch aus ökonomischer Sicht würde dies Sinn machen – jedenfalls für die Holzwirtschaft.
Kritische Stimmen
Denn es gibt auch Stimmen, die eine Aufforstung mit nicht heimischen Hölzern kritisch bewerten. Der NABU e.V. in Nordrhein-Westfalen beispielsweise hält den Ansatz des neuen Waldbaukonzepts mit dem Anbau von Douglasie oder Küstentanne grundsätzlich für zu kurz gegriffen und sehr gefährlich für die Biodiversität in den Wäldern.
Jan Störmer gibt sich bei diesem Thema jedoch streitbar: „Die ganze Umweltthematik, die dahintersteht, der Umgang mit dem Wald, all das wird aktuell politisch, aber auch polemisch und unsachlich diskutiert. Wenn wir als Architekten politisch angegriffen werden, weil wir Holzbau machen und deshalb Bäume gefällt werden, dann geht die Diskussion viel zu wenig in die Tiefe, und es fehlt die Grundlage für das Gespräch. Eine echte Diskussion über Innovation, Veränderung und Verantwortung für die Umwelt ist durch Polemik gebremst.“
Ungeachtet dieser politischen Dimension sieht Störmer aber eine positive Zukunft für den Holzbau, im Speziellen für den Bau von Hochhäusern aus Holz. „Wenn wir Holz als Baustoff intelligent einsetzen, gibt es technisch gesehen fast kein Limit!“
Teil eines Ganzen
Der Bau ist Teil eines städtebaulichen Gesamtkonzepts
Projekt Wildspitze
Hafencity Hamburg
Standort: Versmannstraße, Hamburg
Kategorie: Büro, Wohnen, Ausstellung
Bauherr: Garbe Immobilien-Projekte GmbH
Deutsche Wildtier Stiftung
Status: Fertigstellung 2021
Größe: BGF 21.300 m²
Leistungen: LPH-5