Ideen

Bewegte Behausung
Wohnen und zugleich mobil sein – das ist ein Bedürfnis, dem die Menschheit schon seit mehr als tausend Jahren mit einfallsreicher Architektur zum Mitnehmen begegnet. Warum mobile Behausungen immer beliebter werden.

Wir bauen zu groß und Unsere Häuser verbrauchen zu viel
fossile Energie.

Smart Home
Die Energietechnik lässt sich per App steuern und überwachen.

Sie heißen Oskar und Rudi, Fanni und Emma, sind zehn Meter lang und 2,50 Meter breit, von der Dusche bis zum Schlafplatz komplett eingerichtet und auf Wunsch sogar völlig autark. Die Wohnwagons, Tiny Houses auf Rädern, bieten auf kleinstem Raum alles, was ein Mitteleuropäer zum (guten) Leben braucht. Voraus-gesetzt er beschränkt sich auf das, was wirklich wichtig ist. Und die Reduktion auf das Wesent-liche ist genau das, worum es Theresa Steininger und Christian Frantal, den Gründern des österreichischen Start-ups Wohnwagon, geht. „Am Anfang des Projekts stand unser ‚Grant‘ [wienerisch für Zorn, Missmut] über die Welt, wie sie ist“, erzählt Steininger. Gerade im Wohnungsbau würden viele dieser Missstände manifest. „Wir bauen zu groß und unsere Häuser verbrauchen viel zu viel fossile Energie“, kritisiert sie. Zudem verstärke der normale Wohnungsbau die Vereinzelung in der Gesellschaft. „Mit unseren Wohnwagons wollen wir zeigen, wie man anders und besser bauen und damit auch leben kann.“
Minimalismus statt überfluss
Die mobilen Mini-Häuser made in Austria bedienen die Sehnsucht nach einem unabhängigen und einfachen Leben – eine der zentralen Triebfedern, die hinter der weltweit wachsenden Tiny-House-Bewegung stecken. Vor allem die Immobilienkrise in den USA, wo Mobile Homes schon immer weit verbreitet waren, war vor rund zehn Jahren der Impulsgeber. Minimalismus statt Überfluss wurde für viele von der Notwendigkeit zur Lebensphilosophie, in der auch die Mobilität eine zentrale Rolle spielt: Ob auf einem eigenen Fahrgestell oder auf einem Tieflader: Mini-Häuser to go verbinden den Wunsch nach Freiheit und unabhängigem Leben mit der Sehnsucht nach Rückzug und Geborgenheit. Immer mehr Architekten, Handwerker und Tüftler beschäftigen sich mit innovativen mobilen Wohnformen und entwerfen transportable Häuser – mal rustikal-bodenständig, mal futuristisch-modern.

Mehr Platz
Ein ausziehbarer Erker erweitert die Wohnfläche.

FLOATING HOMES UND TINY HOUSES
Auch auf dem Wasser entstehen spannende neue Projekte. Floating Homes auf Kanälen, Flüssen oder in Hafenbecken ermöglichen individuelles Wohnen – nicht selten in begehrter, zentrumsnaher Lage. Andere motiviert das Ziel, einen nachhaltigen und reduzierten Lebensstil zu entwickeln, dazu, mit neuen Wohnformen in schwimmenden Tiny Houses zu experimentieren. So entwarf der britische Künstler Stephen Turner in Kooperation mit Designern, Architekten und Bootsbauern ein sechs Meter langes, schwimmendes Holz-Ei, auf dem er ein Jahr lang in einer Flussmündung in Südengland lebte. Von seinem energieautarken Hausboot namens „Exbury Egg“ aus Zedernholz sammelte er Erfahrungen über die Auswirkungen des Klimawandels auf das dortige Ökosystem. „Reduce, Reuse and Recycle“ lautet der oberste Grundsatz seines Projekts – ein Credo, das in abgewandelter Formulierung auch hinter den meisten anderen Tiny-House-Konzepten steht. Wohnwagon hat diese Idee vom mobilen und autarken Mini-Haus in vielen Punkten perfektioniert und bietet quasi eine High-End-Variante des Aussteiger-Domizils an. „Wir wollten ganz bewusst ein vollwertiges Haus auf Rädern bauen und haben daher nicht nur auf hochwertige natürliche Materialien gesetzt, sondern auch alle baurechtlichen Vorschriften für normale Häuser eingehalten“, erläutert Steininger. Der besondere Clou: Dank Photovoltaikanlage, Holzofen und eines geschlossenen Wasserkreislaufs mit biologischer Kläranlage sind die Wohnwagons auf Wunsch komplett autark.
Gemeinschaftliches Wohnen
30 seiner Tiny Houses auf recycelten Fahrgestellen hat das österreichische Unternehmen seit 2015 realisiert, 16 weitere sind bereits verkauft – und jedes bekommt einen eigenen Namen. Je nach Größe (zwischen 18 und 33 Quadratmetern inklusive Erker) und Ausbaustandard muss man zwischen 70.000 und 150.000 Euro auf den Tisch legen; auch Minimalismus hat seinen Preis – umgerechnet auf den Quadratmeter sogar einen stolzen. Zu flexiblen und unkonventionellen Lösungen rät Steininger bei der zentralen Frage aller mobilen Wohnkonzepte zu Land wie auf dem Wasser – der nach dem Standort. „Es lohnt sich vor allem, nach Baulücken oder Restgrundstücken Ausschau zu halten, die man vielleicht für einige Zeit pachten kann“, empfiehlt Steininger. Auch auf bebauten Grundstücken im ländlichen Raum sei oft noch Platz für einen Wohnwagon vorhanden – ein Konzept, das besonders fürs Mehr-Generationen-Wohnen infrage kommt. Ohnehin ist die Vision der Wohnwagon-Gründer vor allem das gemeinschaftliche Wohnen. Zwei Siedlungskonzepte, bei denen sich die mobilen Wohnwagons in bestehende dörfliche Strukturen eingliedern, sind bereits in Vorbereitung.
„Wohnraum für den Zeitgeist“
Eine urbane Variante des Konzepts vom reduzierten Wohnen auf kleinem Raum hat das Berliner Start-up Cabin Spacey entwickelt. Nicht die Öko-Aussteiger auf dem Land, sondern die Generation der modernen Großstadtnomaden sind die Zielgruppe der Architekten Andreas Rauch und Simon Becker. Sie haben ein funktionales puristisches Minimalhaus entworfen, das vor allem auf ungenutzten Dachflächen in den europäischen Metropolen „Wohnraum für den Zeitgeist“ schaffen soll. Allein in Berlin gebe es auf Flach- und Parkhausdächern 55.000 Plätze, die dafür infrage kommen, haben die beiden Unternehmensgründer recherchiert. Die dafür entwickelten Cabin Spaceys verfügen in der kleinsten Version über eine Wohnfläche von 25 Quadratmetern und können zwei Personen beherbergen. „Das ist die kleinste Fläche, die man braucht, um ohne Einbußen im Komfort vernünftig wohnen zu können“, erklärt Rauch. Die Mini-Häuser bestehen aus einer individuell gestaltbaren äußeren Hülle aus massiven Fichtenholzwänden und einer inneren Versorgungseinheit mit Bad, Küchenzeile und Bett. Im Juni 2018 wurde der erste Prototyp fertiggestellt. Für rund 40 Module gibt es bereits Anfragen. Dem Großstadtnomaden verspricht das Cabin Spacey ideale Bedingungen. Es ist leicht zu transportieren, einfach aufzustellen und kann mit wenigen Handgriffen an die örtliche Infrastruktur angeschlossen werden. „Die Bewohner können mit nur einem Koffer einziehen und haben doch alles, was sie brauchen“, erklärt Rauch. Zu dem Preis von 79.500 Euro für ein Grundmodul in der Standardausstattung können unter anderem Zusatzpakete wie Smart Home oder Photovoltaik und Speicher hinzugebucht werden.

Wohnwagon
So funktioniert die Autarkie

Wärme
Eine Holz-Solar-Zentralheizung sorgt für Wärme und Warmwasser. Im doppelten Boden des Wohnwagons befinden sich dafür ein Warmwasserboiler und ein Pufferspeicher. Im Sommer werden die Überschüsse der Photovoltaikanlage genutzt, um das warme Wasser im Boiler zu erhitzen. Im Winter liefert ein wassergeführter Holzofen die benötigte Heizwärme, die dem 300-Liter-Pufferspeicher zugeführt wird.
Strom
Eine Photovoltaikanlage mit einer Leistung von drei Kilowattpeak produziert je nach Standort etwa 3.000 Kilowattstunden Strom pro Jahr. Dieser kann in Lithium-Ionen-Akkus gespeichert werden und steht damit rund um die Uhr zur Verfügung. Ein ausgeklügeltes Konzept sorgt zudem für minimalen Verbrauch.
Wasser
Ein grünes Sumpfpflanzendach reinigt das benutzte Brauchwasser aus Waschbecken und Dusche. Es wird dafür aufs Dach gepumpt und in der Grünkläranlage gereinigt. Für die Bio-Toilette wird kein Wasser benötigt.
Minimalistisch
Alles, was ein Haus braucht,
auf 25 Quadratmetern
Wohnfläche.
Überall zu Hause
Ein Netzwerk von komplett ausgestatteten Häusern ist die Vision der Cabin-Spacey-Gründer.
Hoch Hinaus
Simon Becker (links) und Andreas Rauch wollen ihre Minimalhäuser auf die Dächer Berlins bringen.
Baurecht
Wenn es auf die Suche nach einem Stellplatz fürs mobile Tiny House geht, stößt die Freiheit schnell an ihre Grenzen. Denn aus guten Gründen darf man sich nicht irgendwo mitten im Grünen oder am Waldrand niederlassen. Ob mit Rädern oder ohne – wer in seinem Tiny House dauerhaft wohnen möchte, muss die Anforderungen der Landesbauordnungen er-füllen und die kommunalen Bebauungspläne einhalten. Bei Ersteren gibt es für Häuser mit weniger als 50 Quadrat­metern Wohn-fläche allerdings einige Ausnahmen, zum Beispiel im Hinblick auf energetische Vorschriften. Die größere Schwierigkeit stellen meist die Bebauungspläne dar. Normales Bauland kommt daher als Standort meist nicht infrage. Aussichtsreicher ist es, nach einem geeigneten Platz auf bereits bebauten Grund-stücken Ausschau zu halten. Auch das muss das Bauamt allerdings genehmigen und es ist ratsam, auch die Nachbarn frühzeitig einzubinden. Nicht wenige Tiny-House-Bewohner landen schließlich auf einem Campingplatz, der ­Dauerstellplätze zur Verfügung stellt. Ob dieser dann auch als Hauptwohnsitz zugelassen ist, muss im Einzelfall geklärt werden.

Eine komplette Energieautarkie ist möglich, steht aber anders als beim Wohnwagon nicht im Fokus des Konzepts. „Als urbanes Projekt wollen wir ja gerade die vorhandene Infrastruktur in den Städten nutzen“, argumentiert Rauch. Steht ein Wohnortwechsel an, können die Cabin Spaceys auf einem Tieflader grundsätzlich ohne viel Aufwand mit umziehen.
Car-Sharing als Vorbild
Die Zukunftsperspektive von Cabin Spacey ist allerdings eine andere. In den großen europäischen Städten will das Start-up langfristig ein Netzwerk ihrer Minimalhäuser schaffen. In der Generation der urbanen Millennials gebe es einen Paradigmenwechsel, erläutert Rauch den Hintergrund. „Während frühere Generationen viel Wert auf Eigentum gelegt haben, gilt Besitz heute vielen eher als Bürde. Für diese Generation wollen wir flexiblen Langzeitwohnraum anbieten.“ Nach dem Vorbild von Car-Sharing-Modellen sollen sich die Mitglieder einer Co-Living-Community über eine Online-Plattform für einen kürzeren oder längeren Zeitraum einmieten können. „Das ist ökonomisch und ökologisch viel sinnvoller, als mit seinem Haus umzuziehen“, erläutert Rauch. Und da die Häuser überall identisch gestaltet und eingerichtet seien, fühle man sich gleich zu Hause – egal ob das Cabin Spacey in Berlin, London oder Stockholm steht. Den Trend zu mobilen Hauskonzepten auf reduzierter Fläche hat auch die Fertighausbranche erkannt. SchwörerHaus hat schon 2011 das erste Musterhaus seiner FlyingSpaces realisiert – ein Modulhaus, das komplett im Werk vorgefertigt wird und anschließend mit einem Tieflader an seinen Standort transportiert wird. Das kleinste bisher realisierte Modul hatte eine Wohnfläche von rund 16 Quadratmetern. „Die meisten reizen die maximal mögliche Wohnfläche von knapp 50 Quadratmetern aber aus“, berichtet Projektleiter Florian Schmid von denErfahrungen mit den bisher rund 200 gebauten Mini-Häusern. Diese sind meist deutlich größer als die Tiny Houses auf Rädern, die Motivlage der Bauherren, überwiegend aus der Generation 50+, ist aber vergleichbar. „Mehr als die Hälfte hatten bereits ein großes Haus und entscheiden sich bewusst für eine Reduktion, um sich von unnötigem Ballast zu befreien“, hat Schmid beobachtet. Oft wird das FlyingSpace auf dem gleichen Grundstück neben dem bisherigen Eigenheim errichtet, in das stattdessen die Kinder mit Familie einziehen. Die Option, das kompakte Modulhaus auch an einen neuen Wohnort mitzunehmen, spielt bei den meisten eher eine Nebenrolle. Für etwa ein Drittel der Käufer sei die Mobilität des Hauses aber ein wichtiger Faktor, schätzt Schmid – zumindest als Möglichkeit. Zwei von ihnen sind mit ihrem komplett eingerichteten FlyingSpace bereits umgezogen.
Schlafplatz
Über dem Hochbett im Cabin Spacey öffnet ein Dachfenster den Blick in den Himmel.
„Die meisten
Reizen die
maximale Wohnfläche von knapp
50 Quadrat-metern aus. “
In Deutschland muss ein gebautes Haus gefühlt eine Ewigkeit halten. Der Baustoff Stein vermittelt das traditionell. Warum Holz (noch) nicht?
Holz ist ein Material, das im Gegensatz zu Stein verrotten kann. Feuchtigkeitsschutz ist daher oberstes Gebot. Unbehandelte Holzfassaden müssen auswechselbar sein, denn sie werden je nach Exposition in 40 bis 50 Jahren morsch. Solche alten, häufig nicht mehr bewohnten oder bewirtschafteten und daher nicht mehr gepflegten Bauten prägen oft das Bild des Holzhauses. Dabei gibt es Holzgebäude, die 600, 700 Jahre überlebt haben, also ähnlich dauerhaft sind wie Bauten in Stein.
Stahl, Beton und Glas haben jahrzehntelang den Neubau in den Innenstädten geprägt. Ist nun die Zeit des Holzbaus gekommen?
Noch vor Stahl, Beton und Glas hat Holz die Innenstädte geprägt. In der frühen Moderne unterlagen die Architekten und Bauschaffenden der Faszination der modernen, gerade entdeckten Materialien mit deren Möglichkeiten für neue Architektur. Sie haben den alten Baustoff Holz schlichtweg vergessen. Auch die Rückerinnerung an brennende Städte hat den Holzbau nicht befördert und ihn aus dem urbanen Bereich verdrängt. Heute ist es beinahe gelungen, diesen Rückstand aufzuholen. Im Zusammenhang mit Vorfertigung, also schnellem und störungsarmem Bauen, ist Holz ein zukunftsträchtiges Baumaterial für den urbanen Bereich geworden.
Was spricht für Holz im Vergleich zu anderen Baustoffen?
Holz ist ein Baustoff, der von der Sonne erzeugt wird, er bindet Kohlenstoff und dadurch ist der Einsatz von Holz in der heutigen Zeit eine klimaaktive Maßnahme. Mit fossiler Energie erzeugte Baustoffe werden kompensiert, was beträchtliche CO2-Einsparungen bringt. Außerdem werden moderne Holzbauten heute zum großen Teil vorgefertigt. Das Bauen wird in die geschützten Werkhallen verlagert, dadurch wird eine unübertroffene Bauqualität erreicht. Somit ist es möglich, sehr schnell zu bauen.
Gibt es Ihrer Meinung nach Grenzen für den Einsatz von Holz?
Natürlich gibt es Grenzen im konstruktiven Bereich, aber auch in der Sinnhaftigkeit. Das gilt wahrscheinlich für alle Baumaterialien. In den letzten Jahren haben sich die Grenzen für den Einsatz von Holz stark erweitert. Niemand hätte vor zehn Jahren gedacht, dass es möglich ist, weit über die Hochhausgrenze hinaus sinnhaft mit Holz zu bauen. Der Trend wird sich fortsetzen.
Sie haben 2012 mit dem LifeCycle Tower (LCT) in Österreich einen mehrgeschossigen Prototyp für ein neues Holz-­Hybridbau-System errichtet. Was war das Besondere an diesem Projekt?
Bei diesem Projekt haben wir ein Konzept entwickelt, bei dem es möglich ist, ein Bürogebäude über die Hochhausgrenze mit Holz zu bauen. Mit dem LCT-System sind wir in der Lage, 20 bis 30 Geschosse hoch zu bauen und dies in einer sehr kurzen Bauzeit. Innerhalb eines Tages können wir ein ganzes Geschoss fertigen. Die Schnelligkeit bei so großen Gebäuden ist sehr wichtig, denn wie vorhin erwähnt, ist der größte Feind des Holzes nicht das Feuer, sondern das Wasser, und es gilt, in der Bauphase Feuchtigkeit und Nässe zu vermeiden, das Gebäude davor zu schützen.
Später haben Sie diese Technik beim größten Bürogebäude aus Holz in Mitteleuropa – dem Illwerke Zentrum Montafon – wieder umgesetzt. Glauben Sie, dass nun ein Umdenken in diesem Bausegment erfolgen wird?
Ich bin überzeugt, dass heute immer stärker der Bauprozess in den Fokus gelangt. Wenn wir uns das Chaos auf den modernen Baustellen vor Augen führen, dann ist alles, was gut ­voraus-geplant in der Werkhalle produziert und schnell errichtet wird, ein riesiger Vorteil gegenüber dem herkömmlichen Bauen. Darum sehe ich derzeit eine große Chance für serielles Bauen, wie wir es beim Illwerke Zentrum Montafon erfolgreich umgesetzt haben.
Angesichts der Themen Nachverdichtung und urbanes Wohnen – könnte und müsste der Holzbau nicht auch innerstädtisch und mehrgeschossig verstärkt zum Einsatz kommen?
Gerade beim Thema Nachverdichtung kann der Holzbau seine Vorteile zur Geltung bringen. Schnelles und störungsarmes Bauen durch Vorfertigung ist gerade in innerstädtischen Bereichen ein Vorteil. Ebenso eröffnet das geringe Gewicht des Baustoffes oft ungeahnte ­Aufstockungsmöglichkeiten.

„DER HOLZBAU
WÄCHST“

IM INTERVIEW ERKLÄRT DER ARCHITEKT
HERMANN KAUFMANN DIE BEDEUTUNG VON
HOLZ FÜR ARCHITEKTUR UND WARUM ER
STETS DIE MÖGLICHKEITEN DES
MODERNEN HOLZBAUS
NEU AUSLOTET.
Es heißt, Holz habe gerade bei Wohnhäusern enorme Vorteile. Welche sind das Ihrer Meinung nach ganz konkret?
Behaglichkeit, Schönheit und Wärme: Das sind die positiven Eigenschaften, die man diesem Material zuschreibt. Deswegen versuchen wir zum Beispiel, bei allen unseren mehrgeschossigen Wohnprojekten die Geschossdecken sichtbar zu lassen. Das heißt, diesen Baustoff auch im Innenbereich zu zeigen. Die Kunden nehmen das sehr gerne wahr. Allein die Tatsache, dass man in einem Gebäude wohnt, das zum großen Teil von der Sonne erzeugt worden ist, ist für viele Menschen ebenfalls von Bedeutung.
In Österreich und der Schweiz besitzt Bauen mit vorgefertigten Holzelementen im Wohnbausektor einen hohen Marktanteil. Warum hinkt Deutschland diesbezüglich so hinterher?
Die Schweiz hat in den letzten Jahren einen recht hohen Marktanteil im Wohnbausektor, also bei mehrgeschossigem Bauen mit Holz, erreicht. Österreich ist ein sehr holzreiches Land mit einer starken Zimmerertradition und guter Handwerkskultur. Damit ist ein gewisser Nähebezug vorhanden und es werden daher auch eine Vielzahl mehrgeschossiger Bauten in Holz errichtet, jedoch weniger als in der Schweiz. In Deutschland ist die Verbreitung des mehrgeschossigen vorgefertigten Holzbaus regional sehr unterschiedlich. Im Vergleich zur Größe des Landes hat Deutschland nur sehr wenige große, marktdurchdringende Holzbaubetriebe, die mit der starken Bauindustrie mithalten können. Das wird sich aber ändern, denn der Holzbau wächst, nicht sprunghaft, aber stetig. Das ist gut.

Gerade beim Thema Nachverdichtung kann der Holzbau seine Vorteile zur Geltung bringen.“

Studieren und Leben
Das ist möglich im Brock Commons Tallwood House, einem Holzhochhaus der University of British Columbia in Vancover, das Kaufmann mitplante.
Zur Person
Hermann Kaufmann

Sohn einer alten Zimmermannsfamilie, ist Architekt mit Schwerpunkt Holzbau. Der Österreicher ist fort-während auf der Suche nach Antworten im Themenkomplex Nachhaltigkeit des Bauens, seit 2002 gemeinsam mit Studierenden als Professor für Holzbau an der Technischen Universität München.
Modernes Fachwerk
Eines der größten Fachwerk-Bürogebäude der Welt baute Kaufmann mit dem Illwerke Zentrum Montafon.